Kocher-Jagst-Chronik

Bad Mergentheim: 64 Auszubildende aus Kenia in der Pflege im Taubertal

Redaktion Kocher-Jagst-Chronik

Bad Mergentheim Blick vom Wartturm
Symbolbild: Bad Mergentheim · Foto: Hubert Berberich ( HubiB ), CC BY 4.0, via Wikimedia Commons (Datei · Lizenz)

Tauberbischofsheim – Das Kenia-Projekt der Pflegeausbildung im Taubertal wächst: Aus sechs jungen Kenianerinnen und Kenianern, die im April 2024 am Bildungszentrum des Caritas-Krankenhauses Bad Mergentheim begannen, sind an den Krankenhäusern in Bad Mergentheim und Tauberbischofsheim inzwischen 64 Auszubildende geworden. Das teilte das Landratsamt Main-Tauber-Kreis nach einem Symposium mit. Es trug den Titel „Grenzen überwinden – Fachkräfte ausbilden – Zukunft sichern“ und fand in der Aula des Caritas-Krankenhauses statt. Alle Beteiligten zogen dort nach zweieinhalb Jahren eine positive Bilanz.

Warum das Projekt gebraucht wird

Die Referentinnen und Referenten betonten, die jungen Leute seien angesichts des Fachkräftemangels in der Pflege eine willkommene Unterstützung. Thomas Wigant, bei den BBT-Bildungszentren der Region zuständig und Mitinitiator, sagte: „Das Wohl aller Beteiligten ist gleichberechtigt: Wir bekommen dringend benötigte Pflegekräfte für unsere Einrichtungen und bieten zugleich jungen Menschen eine Zukunftsperspektive, die sie in ihrem Heimatland nicht haben.“

Landrat Christoph Schauder verwies auf die Altersstruktur: Nach Baden-Baden habe der Main-Tauber-Kreis die Bevölkerung mit dem höchsten Altersdurchschnitt in Baden-Württemberg. Der Bedarf an Pflegekräften werde weiter steigen. Man müsse deshalb alle heimischen Ressourcen ausschöpfen und zugleich neue Wege gehen. Der Landkreis stehe voll hinter dem Projekt. An die Auszubildenden gewandt sagte Schauder: „Wir freuen uns, wenn Sie lange bleiben“.

Der CDU-Landtagsabgeordnete und Oberarzt an der Universitätsklinik Heidelberg PD Dr. Michael Preusch lobte das gemeinsame Projekt des Caritas-Krankenhauses und der Hochschule Koblenz. Das Land wolle von den Erfahrungen lernen. Im vergangenen Jahr sei die Landesagentur für die Zuwanderung von Fachkräften gegründet worden. Baden-Württemberg müsse aber noch Details verbessern, insbesondere bei den Anerkennungsverfahren.

Hochschule Koblenz und Betreuung vor Ort

Die Hochschule Koblenz startete das Projekt wegen des drohenden Pflegenotstands. Prof. Dr. Christian Lebrenz erklärte, warum die Wahl auf Kenia fiel: Das Land habe eine besonders junge Bevölkerung und ein relativ gutes Schulsystem. Mehr als 80 Prozent blieben bis zur 12. Klasse in der Schule, danach gebe es aber nur sehr wenige Ausbildungsmöglichkeiten und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Die Mount Kenya University, in Kenia anerkannt, übernimmt die fünfmonatige Vorbereitung. Die Hochschule begleitet das Programm vom Auswahlprozess in Kenia über den Vorbereitungskurs in Thika und Mombasa bis zur Betreuung in Deutschland. Vier weitere Krankenhäuser haben sich dem Projekt inzwischen angeschlossen.

Eine zentrale Rolle bei Betreuung und Integration spielt die AG Career Hub von Caroline Mwangi. Die Kenianerin studierte in Koblenz internationales Management und kennt aus eigener Erfahrung die Unterschiede zwischen beiden Ländern, sei es bei Bürokratie, Sprache oder Kultur. Als „Brückenbauerin“ ist sie Ansprechpartnerin für die Eltern in Kenia, im Auswahlverfahren und bei Ankunft und Alltag in Deutschland. Sie hat ein Netzwerk von rund 1800 Kenianern in Deutschland aufgebaut.

Hürden und Fazit der Bildungszentren

Norbert Stolzenberger, Leiter der Bildungszentren am Caritas-Krankenhaus und am Krankenhaus Tauberbischofsheim, blickte auf die Anfänge zurück. Zwischen Ausländerbehörde, Arbeitsagentur, Regierungsbezirk, Botschaft, Stadt und Landkreis habe es Monate gedauert, bis die Visa ausgestellt waren. Der Förderverein des Caritas-Krankenhauses leistete Überbrückungshilfe. Sehr hilfreich seien außerdem Auszubildende aus höheren Jahrgängen gewesen. Als „Best Buddies“ zeigten sie den Neuankömmlingen Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten.

Nach fast drei Jahren Erfahrung zieht Stolzenberger ein durchweg positives Fazit. Die Auszubildenden würden an der Mount Kenya University hervorragend vorbereitet, ihre Leistungen lägen im vorderen und mittleren Niveau der Klasse. Das Feedback aus Krankenhäusern und Pflegeheimen sei gut. Die Akzeptanz bei Patienten und Bewohnern sei bis auf einige wenige Zwischenfälle vorhanden. Zur Entwicklung der Zahlen sagte er: „2013 hatten wir noch 165 Pflegeazubis am Caritas-Krankenhaus; 2017 waren es noch 137, 2021 dann 104 und 2023 schließlich noch 89. Heute sind es in Bad Mergentheim wieder 135 und im Bildungszentrum am Krankenhaus Tauberbischofsheim konnten wir sogar alle 72 Ausbildungsplätze dank des Kenia-Projekts besetzen.“

Pflegedirektor Frank Feinauer bezeichnete das Projekt schon heute als „voller Erfolg“. Offenheit und Menschlichkeit seien der Schlüssel, um voneinander zu lernen. Bei dem Symposium sangen die kenianischen Auszubildenden als Spontanchor traditionelle Lieder. Abschließend berichteten die beiden Auszubildenden Helena und Leyla mit Humor von ihren Erfahrungen in Deutschland.

Nachbetrachtung

Die Besetzung aller Ausbildungsplätze in Tauberbischofsheim zeigt, dass das Projekt Lücken schließt. Auffällig ist, dass Beteiligte selbst die langwierigen Visaverfahren und Verbesserungsbedarf bei den Anerkennungsverfahren ansprechen. Offen bleibt, wie die Kenianer nach der Ausbildung in der Region Fuß fassen. Dazu macht die Mitteilung keine Angaben.

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